Teil 1: 
Der Weg ins Ungewisse

Ich hatte bereits den Großteil Europas und Teile Asiens bereist, als sich eine neue Gelegenheit bot: ein neues Land. Man hatte es mir als Traum geschildert – eine uralte Kultur, Kunst, die aus jeder Ecke sprudelte, und eine Küche, die mit solcher Ehrfurcht serviert wurde, dass sie fast zur Religion wurde. Jeder Quadratmeter Boden war von Geschichte durchtränkt, jedes Dorf glich einem sorgfältig gemalten Meisterwerk.
Doch schon vor der Reise begann dieses polierte Bild zu verblassen. Die Schatten wurden häufiger – Nachrichten von Blut und Angst füllten die Luft. Die Fäden des Drogenhandels webten ein Netz, Morde und Raubüberfälle nahmen zu, und Flüchtlingsströme, wie unaufhaltsame Fluten, die gegen die Grenzen brandeten, erschütterten die alte Weltordnung. Ich fuhr genau dorthin, wo alles zusammenlief – in eine Stadt, die von dunklen Gerüchten umgeben war, einen Ort, an dem Schönheit tödliche Gefahr verbarg. Es war Marseille. Frankreich. 

михаил заблодский хроники андора


Teil 2: 

Marseille bei Nacht

Eigentlich sollte alles einfach sein – einen Freund treffen, im Mittelmeer schwimmen, in diese legendäre Romantik eintauchen. Stattdessen fand ich mich plötzlich auf einem anderen Kontinent wieder, mitten in Amerika. Aber das kam erst später.
Im Moment wollte ich nur vor Einbruch der Dunkelheit in der Stadt ankommen. Wenn mir das nicht gelang, würden die Probleme beginnen – auf der Straße zu übernachten wäre noch das geringste Übel. Ich stellte mir vage vor: das Meer, Wein, vielleicht ein paar ins Leere geworfene „Bonjours“. Die Realität hatte, wie immer, andere Pläne.Die Anreise war eine einzige Qual. Von Köln nach Luxemburg zog sich jede Stunde wie eine Ewigkeit. Die Strecke schien endlos. Die Zeit kroch, als wollte sie mich absichtlich aufhalten. Dann die französische Grenze – wieder Zeit, wieder Waggons. Und ich musste bis in den tiefen Süden. Ich hetzte, zählte die Minuten. Die Nacht brach herein, bevor ich ankam. Der Zug fuhr ein, als die Dunkelheit bereits die Straßen verschlungen hatte. Ich war zu spät.

Beim Aussteigen begann ich zu begreifen, in welche gefährliche Lage ich geraten war. Marseille öffnete vor mir sein finsteres Maul, und je weiter ich mich meinem Hotel näherte, desto tiefer versank ich in seinen Eingeweiden. Jeder Schritt zog mich weiter ins Herz der Dunkelheit, bis an den Rand der Innenstadt, wo verlassene Häuser und Ruinen vergessene Geheimnisse flüsterten. Jenseits der Innenstadt begann ein schattiges Viertel – ein Ort, an dem die Straßen wie ausgestorben wirkten, wo Gefahrengefühle in der Luft schwebten und die Nacht das Recht verschlang. Ich wusste nicht, dass mein Hotel genau dort lag. Niemand hatte mich gewarnt, dass ich mir einen Aufenthalt mitten in den Armen der Dunkelheit gebucht hatte.

Die Stadt war ein seltsamer Cocktail – französische Eleganz vermischt mit dem arabischen Flüstern des Orients, moderne Hochhäuser neben finsteren mittelalterlichen Gassen, und die prächtigen, anmutigen Haussmann-Fassaden des 19. Jahrhunderts, ertränkt in Müllbergen. Die Straßen lagen still da, leer bis auf die Obdachlosen, die wie verlorene Schatten an den Wänden entlangglitten. Ich trat in diese Welt ein, und sie stürzte auf mich ein – Gerüche, Farben, alles so fern der vertrauten Deutschland- und Ukraine-Welt. Und ich liebte es – diese Mischung aus Geheimnis und Gefahr, das Leuchten des modernen Lebens vermengt mit dem Geist der alten Massalia.

Die schwach von Laternen erleuchteten Straßen schienen endlos, und die Schatten der alten Gebäude streckten sich mir entgegen, als wollten sie mich ins Nichts zerren. Ich irrte durch ein Labyrinth mittelalterlicher Gassen, bis ich den nächtlichen Hafen erreichte. Das war der einzige lebendige Fleck der Stadt, wo die Menschenmenge eine Illusion von Leben erzeugte. Menschenmassen drängten sich – redend, lachend, ohne zu bemerken, dass sie nur wenige Meter weiter erstochen oder ausgeraubt werden konnten. Die Stadt zog sie magnetisch an, und sie bahnten sich ihren Weg, gleichgültig gegenüber der Gefahr, Portemonnaie oder Leben zu verlieren.

Der Hafen war übersät mit unzähligen Booten und Yachten, deren Masten wie eine angefressene Waldsilhouette aufragten, während die alten Gebäude ringsum mit schwarzen, leeren Fenstern stierten wie Augenhöhlen, die das Licht verschlungen hatten. Ich blickte auf, und hoch oben, auf einem Hügel über dem Straßengewirr thronte die Basilika Notre-Dame de la Garde, ihre goldene Madonna funkelte in der Nacht wie ein Stern, der ruft, aber nicht rettet. Die Dunkelheit umhüllte die Straßen, schwer, fast greifbar, während die Basilika fern schwach glühte wie ein Versprechen, das sich gleich auflösen würde. Alles war so geheimnisvoll, dass ich fast vergaß, wie leicht man hier für immer verschwinden konnte.

Ich hatte das Hotel verpasst – es öffnete erst morgens. Jetzt konnte ich nur weiter durch die Stadt irren und mich langsam dorthin vorarbeiten. Nach der Innenstadt beschloss ich, in seine Richtung aufzubrechen und mich durch das nächtliche Marseille zu schlängeln. Die Luft trug noch die letzten Sommerausläufer – warm, aber nicht die erdrückende Julihitze, mit einer leichten Feuchtigkeit, die an der Haut klebte. Ich dachte, es würde ein einfacher Nachtspaziergang werden – die Innenstadt würde modernen Wohnblöcken weichen, die alte Architektur in Betonquader übergehen, und irgendwo dazwischen würde mein Hotel wie eine Fata Morgana locken. Aber kein Glück.

Die Innenstadt brach abrupt ab. Dann kam das Viertel – jenes, das in keinem Reiseführer erwähnt wird. Hier schien die Realität zu zerbrechen. Die Stadt lag tot da – leer, leblos, voller Ruinen und verlassener Gebäude. Die Straßenlaternen funktionierten nicht; ihre verrosteten Masten ragten wie Grabsteine auf, und das Licht sickerte aus dem Nichts, grau und kränklich, beleuchtete nur Bruchstücke der Wirklichkeit, als würde jemand ein Foto der Welt zerreißen. Ein bedrohliches Schweigen erstickte die Luft, so dicht, dass ich meinen eigenen Atem wie den eines Fremden hörte. Die Luft war feucht, mit einem metallischen Geschmack, als hätten das nahe Meer und der Hafen sie mit Rost durchtränkt. Der Wind wehte gleichmäßig, zu glatt, fast erstarrt. Verlassene Häuser standen grinsend da, mit fensterlosen Hohlräumen, ihre gesprungenen Wände glichen Gesichtern, wenn man sie schräg ansah. Und dort, mitten in diesen Ruinen, versteckte sich mein Hotel – dunkel, wie ein weiterer Geist des Viertels.

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Teil 3: 
Morgen in Marseille

An einem solchen Ort musste ich das Morgengrauen abwarten. Die Stunden krochen wie Schatten an den Wänden, und ich zählte die Minuten in der immer noch bedrückenden, unheimlichen Stille, die selbst dann nicht wich, als die ersten Strahlen durch den grauen Dunst sickerten. Endlich öffnete das Hotel. Ich warf meine Sachen ab, aß hastig – knuspriges Baguette, Marmelade, starker Kaffee mit einem Hauch von Hafen – und ging los, um den Freund zu treffen, den ich seit zwei Jahren nicht gesehen hatte. Sein Gesicht, vertraut und doch vom Verstreichen der Zeit leicht fremd geworden, wartete im Zentrum auf mich, dort, wo die Stadt so tat, als wäre sie lebendig.

Von ihm erfuhr ich von dem Vorfall, der sich genau an diesem Morgen ereignet hatte – eine Geschichte, nach der die Luft wieder so schwer wurde wie in der Nacht. Mein nächtlicher Spaziergang durch die Bruchbuden, wo hinter jeder Ecke ein Messer oder eine flinke Hand lauerte, war merkwürdigerweise völlig glatt verlaufen. Wer hätte gedacht, dass die wirklichen Probleme nicht in der finsteren Kehle der Nacht lauerten, sondern mitten am helllichten Tag, im Herzen Marseilles.

Am Hafen hatte ein Bekannter meines Freundes für einen Moment die Wachsamkeit verloren. Er vergaß, wo er sich befand. Ein Mädchen setzte sich zu ihm, sie plauderten nett, und währenddessen schoss aus der Menschenmenge ein Schatten hervor, riss blitzschnell seine Tasche an sich und verschwand in den Gassen. Und was, glauben Sie, war darin? Absolut alles – Reisepass, Personalausweis, sämtliches Geld, Bankkarten, Smartphone. Der gesamte Besitz, den der Mann bei sich trug. Und er hatte tatsächlich alles in eine einzige Tasche gepackt und nach Marseille mitgebracht – in eine Stadt, in der man einem die Taschen mit Vergnügen leer räumt, und das ist noch die harmlose Variante. Es heißt, hier schneidet man einem lieber die Kehle durch, als sich lange mit einem abzugeben. Die ganze Geschichte endete düster: Die französische Polizei schrieb unter Gekicher ein Protokoll und schickte die beiden zum Teufel.

Sobald die nächtliche Schwärze gewichen war, zeigte sich die Stadt in völlig anderem Gewand. Jetzt war sie eine weiß leuchtende südliche Stadt mit klassischem französischem Charme. Die warme Sonne flutete die Straßen, streichelte die Haut mit weichem Licht, und in der Luft schwebte der Duft edler französischer Parfüms – als hätte sich Guerlain mit dem salzigen Atem des Hafens vermischt. Die Fassaden sind abgeblättert, schämen sich ihres Alters aber nicht – im Gegenteil, sie tragen es wie alte Juwelenringe zur Schau.

Marseille lebt von der Sonne, faul ist es nicht, aber es hetzt auch nicht – es atmet einfach in seinem eigenen Rhythmus. Auf den Terrassen trinkt man den Kaffee langsam und betrachtet die Vorbeigehenden, als wären sie Schauspieler in einem Straßentheater. Sein Geist ist hafenhaft, rau, glühend, halb-legal. Hier gehört nichts einer einzigen Nation, einem einzigen Volk. Gerüche, Gesichter, Sprachen, Erinnerungen – alles ist vermischt, alles fremd und zugleich vertraut. Jede Straße hat ihren Namen und ihre Narbe. Jedes Café hat den Schatten eines alten Mannes, der hier seinen letzten Pastis trank und in die Leere starrte.


Teil 4: 
Neue Bekannte

Nun stand mir bevor, die Freunde meines Kumpels kennenzulernen. Unter den üblichen Ukrainern stach ein Belarusse hervor, Spitzname Antib. Er hatte die Nase voll vom regnerischen Belarus und beschloss, in den sonnigen Süden Frankreichs zu ziehen. Aber wie? In Frankreich ist es normalerweise fast unmöglich, Asyl zu bekommen, wenn man nicht aus einer ehemaligen französischen Kolonie kommt. Da inszenierte Antib vor den Franzosen ein oscarreifes Drama: Er sei ein unglücklicher Transgender, den das Lukaschenko-Regime gedemütigt habe. Um sein Leben zu retten, sei er nach Frankreich geflohen, wo man Menschenrechte schließlich immer unterstütze. Für noch mehr Dramatik hätte man, so erzählte er, auch noch Wahnsinn draufpacken können: sabbern, in die Hose machen, Epilepsie vortäuschen, sich winden wie ein gefoltertes Opfer des Regimes. Und was machte mein neuer Bekannter, kaum in Frankreich angekommen? Arbeiten? Französisch lernen? Natürlich nicht.

Antib weihte mich in eine neue, bislang unbekannte Welt ein – die Welt der professionellen Schnorrer und Okkupas. Okkupas, das ist nicht einfach Hausbesetzung. Das ist die Kunst, außerhalb aller Regeln zu leben, Obdachlosigkeit zum Beruf zu erheben und Überleben zur Ideologie. Er bettelt nicht. Er tritt ein, lächelt, und dein Haus wird zu seiner Bleibe. Und du bist plötzlich nur noch Gast im eigenen Schatten.
Antib erklärte, Französischkurse seien nichts für ihn – da seien sowieso meist Araber, und mit denen wolle ein Herrenmensch wie er nichts zu tun haben. Arbeiten komme ebenfalls nicht infrage – man finde ja alles Mögliche auf dem Müll. Am meisten schockierte mich aber seine Wohnsituation. Er zog einfach in eine fremde Villa ein und stolzierte dort herum, als gehörte sie ihm. Er lebte dort, bis die Eigentümer auftauchten. Haben sie ihn rausgeworfen? Nein, sie wollten ihn sogar als Hauswächter behalten. Aber Antib, nicht auf den Kopf gefallen, machte ihnen ein Angebot, das man eigentlich nicht ablehnen kann: Die Franzosen sollten ihm Geld zahlen dafür, dass er weiter in ihrem Haus auf ihre Kosten schmarotzt. Legendär. Natürlich flogen danach die Fetzen, und er wurde sofort rausgeschmissen.

Die modernen Gesetze hören nicht auf, einen zu überraschen: Bleib ein paar Tage in einer fremden Wohnung, und du darfst bleiben. Die Polizei kann dir nichts anhaben, aber den Eigentümern tut es weh, wenn dir etwas zustößt. Oh, was für Probleme die dann haben. In Kalifornien sind Diebstähle bis tausend Dollar eine Bagatelle, mit der sich die Polizei nicht abgibt. Stell dir vor: Räum Smartphones, Ware aus Läden raus – alles deins. In Frankreich erschwert zusätzlich der politische Druck auf die Polizei die Sache, man versucht, sie an die Leine zu legen. Dabei hat sie ohnehin nicht gerade Lust zum Kampf – man denke nur an die Geschichte mit meinem Bekannten, als die Polizei nur gelacht hat, oder an Viertel, in die sie sich nicht traut reinzufahren. Manchmal fahren sie wie ungebetene Gäste mit ausgeschalteten Sirenen und Vollgas durch unliebsame Stadtteile. Und manchmal, wie in den Pariser Banlieues, packen die lokalen Migranten sie am Schlafittchen und werfen sie raus wie nasse Katzen. In Deutschland lieferten sich Islamisten ein blutiges Wettrennen: Wer erfindet die kreativste Art, Deutsche abzuschlachten – Messerstechen auf der Tanzfläche, Bomben oder sie wie Bowlingkegel ummähen. Der Sieger steht noch nicht fest. Genau diese Stimmung, durchtränkt von den jüngsten Unruhen, hing auch über Nizza, und dorthin lud mich mein neuer Kumpel seelenruhig ein, als wäre nichts dabei.

Teil 6: 
Toulouse

Irgendwo jenseits des Horizonts lockte noch immer der amerikanische Traum, aber ich wollte erst noch ein bisschen mehr Frankreich schmecken. Es gibt nur wenige Städte hier, die nicht versuchen, Paris nachzueifern. Dijon zum Beispiel nennt man Klein-Paris – klingt großspurig, ist aber nur ein Schatten der Hauptstadt. Kaum jemand kann Paris wirklich die Stirn bieten. Eine der wenigen Ausnahmen ist Toulouse.

Die Rivalität zwischen Toulouse und Paris reicht Jahrhunderte zurück. Im Mittelalter war nicht Paris, sondern Toulouse das kulturelle Herz Frankreichs. Es setzte die Trends, seine Troubadour-Kultur schwappte durch ganz Europa und zündete in der Finsternis des Mittelalters das Feuer von Romantik und Liebe an.

Wie ein Nachtfalter flog Toulouse zu nah an das verbotene Feuer heran und verbrannte in seiner schwarzen Flamme. Aus den Tiefen Persiens, aus einer Dunkelheit, die älter ist als die Sterne selbst, kam die Gefahr – lautlos und gnadenlos. Sie erstickte die Lieder der Troubadoure und verwandelte Romantik in Asche.

Der Funke, der Toulouse und das ganze Languedoc in Brand steckte, waren die manichäischen Ketzer.
Weit weg in Persien, wo der Wüstensand von vergessenen Göttern flüstert, webten sie Predigten, die nach Rauch und Wahnsinn rochen. Unter Sternen, die die Geburt der Welt gesehen hatten, verehrten diese Priester der Finsternis das Feuer – nicht das wärmende, sondern das, welches Seelen verschlingt. Ihre Rituale, versteckt in iranischen Höhlen, gebaren Visionen vom Weltuntergang. Am Ende wurde die Sekte im Iran ausgelöscht, doch ihre Splitter verbreiteten sich wie giftiger schwarzer Rauch über die Welt und vergifteten das Herz von Toulouse.

Sie nannten sich selbst die Reinen. Alle anderen brandmarkten sie als Ketzer. Die Wahrheit entschlüpfte wie Asche zwischen den Fingern. Die Katharer glaubten, diese Welt sei gefallen, falsch, vom bösen Prinzip erschaffen. Sie wollten das Christentum mit dem Gift manichäischer Lehren vermählen und die Erde von Schmutz reinigen. Doch ihre Träume verbrannten im Feuer der Albigenserkreuzzüge. Der Kreuzzug fegte wie ein schwarzer Sturm durch das Languedoc und hinterließ nur Rauch und Knochen. Südfrankreich wurde „gereinigt“ – nicht vom Bösen, sondern von seinen Bewohnern. Auf die Frage, was mit den einfachen Gläubigen geschehen solle, antworteten die Kreuzritter schlicht: „Tötet sie alle. Gott wird die Seinen schon erkennen.“ Die Gassen von Toulouse, die einst von Liebe sangen, tränkte sich mit Rauch und Blut, und die Stadt, die einst Europa entzündet hatte, stürzte in Asche.

Das Languedoc, dieses Land aus roten Steinen und alten Narben, ist auf seltsame Weise mit meiner Lieblingsfigur verbunden – Indiana Jones. Paradoxerweise wurde der unermüdliche Nazi-Jäger von einem echten Nazi-Archäologen abgeschrieben. Hier in Toulouse schnüffelte ein Agent der Ahnenerbe nach dem Heiligen Gral. Für die Katharer war der Gral der Weg zum „wahren Licht“; für die Nazis eine Superwaffe; für Indiana Jones eine Reliquie, deren Kraft sich in Fragen von Leben und Tod auflöste. Ich wanderte durch diese Straßen, und die Schatten der Katharer, Kreuzfahrer, SS-Männer und Abenteurer flüsterte im Wind.

Die ganze Stadt war durchtränkt von Altertum und einem einzigen roten Stil – von den Ziegelmauern, die sich noch an die Troubadoure erinnerten, bis zum Pflaster, das vom Blut der Katharer rot war. Jeder Schritt hallte vom Echo der Vergangenheit wider. Die Sonne ging unter und tauchte Toulouse in scharlachrote Strahlen, als wollte sie ein mittelalterliches Schlachtgemälde wieder zum Leben erwecken. Die Türme warfen Schatten wie Speere, die Luft zitterte von etwas Unsichtbarem – Gebet oder Fluch. In diesem roten Glühen atmeten die Mauern, bewahrten Schmerz und Ruhm. Doch mein Weg führte weiter. 

Teil 7: 
Lissabon

Nachts landete ich in der Stadt, die am Kreuzweg der Welten steht, im uralten Hafen, wo der Atlantik auf Europa trifft. Lissabon. Eigentlich nur ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Kanada, doch irgendetwas in seiner nächtlichen Stille rief mich. Bis zum nächsten Flug war nicht viel Zeit, also beschloss ich, keine Minute zu verschwenden, die fremde Stadt mit ihrer salzigen Luft und dem zitternden Laternenlicht in mich aufzusaugen.

Die durchwachten Stunden machten sich jedoch bemerkbar. Die Grenze zwischen Schlaf und Wirklichkeit löste sich auf. Lissabon wurde zur Fata Morgana, einem Küstentraum im Wachsein.
Fast sofort verlor ich mich im Labyrinth der Altstadt. Die schmalen, gepflasterten Gassen der Alfama, pulsierende Adern gleich, zogen mich immer tiefer in ihr Herz, wo die Zeit längst aus dem Takt geraten war. Feuchte Mauern atmeten Jahrhunderte, die Luft war schwer von Salz, Stein und einer kaum greifbaren Schwermut, als erinnere sich die Erde an all jene, die nicht aus dem Meer zurückkehrten. Aus lauten Cafés und winzigen Plätzen quollen die traurigen Melodien des Fado, Lieder von Frauen, die ihre Männer an die Wellen verloren hatten.

Um nicht vor Müdigkeit umzukippen, ging ich in eine winzige Kaffeebar. Hinter dem Tresen stand eine atemberaubend schöne Frau, bleich, mit rabenschwarzem Haar und Augen so dunkel wie die Tiefsee. Sie bewegte sich leicht, fast tanzend, schenkte Kaffee ein mit der Präzision eines Jongleurs und der Anmut einer Straßen-Esmeralda. Erst nach einer Weile merkte ich, warum ich den Blick nicht abwenden konnte, die Müdigkeit summte in meinen Schläfen, und sie wirkte wie ein Traum, in dem man gerne länger bleiben würde.
Als ich die Bar verließ, wollte ich die hoch über der Stadt thronende Burg finden. Auf einer steil serpentinartig aufwärts führenden Gasse kam ich am Sé de Lisboa vorbei, der im Nachtdunst versank. Er wirkte uralt und düster, fast verbrannt, ein Geist aus alten Zeiten, schwer gezeichnet vom gewaltigen Erdbeben von 1755, nach dem das Imperium in den Abgrund gestürzt schien und sich nie mehr ganz erholt hatte. Seine romanischen Türme ragten schwarz auf wie abgenagte Knochen.

Plötzlich zerriss ein wildes Brüllen die Stille. Aus der Dunkelheit schoss eine alte Straßenbahn hervor wie ein vergessenes Tier aus einem Traum, metallisch, mit abblätternder Farbe und beschlagenen, milchigen Scheiben, in denen gelbliches Licht schwach flackerte. Sie donnerte so nah vorbei, dass mir die Ohren klangen. Drinnen huschten kaum erkennbare Gestalten, verschwommen, aber auf unheimliche Weise real, dass es mir kalt den Rücken herunterlief. Der Waggon schien nicht auf Schienen zu fahren, sondern außerhalb der Zeit zu gleiten, wie ein Schatten aus einer anderen Dimension.

Schließlich erreichte ich die Burgmauern und sah die ganze Stadt unter mir ausgebreitet. So weit das Auge reichte, lag Lissabon wie mit goldenem Staub überzogen da, und die winzigen Lichter tief unten glichen leuchtenden Sternen. Ein einzelner Glühwürmchen flog vorbei, eine einsame Funke, die aus diesem Sternenmeer geflohen war.

Ein paar Stunden später stand ich schon wieder am Flughafen und ließ Lissabon mit seinem Fado und dem salzigen Wind hinter mir.

Dahinter wartete die Provence, die Welt römischer Ruinen, mittelalterlicher Burgen und Landschaften, wie sie Van Gogh oder Cézanne gemalt hätten, wo die Straßen nach Sonne, Meer und frischem Kaffee dufteten.
Eine Welt, in der Leben kein Hasten ist, sondern ein Tanz mit dem Augenblick, in dem jeder Schritt Sinn und Genuss trägt. Dieses Kunst des Lebens, sonnendurchtränkt und langsam, wo alles in den Details steckt. Art de vivre.

In ein paar Stunden erwartete mich eine völlig andere Universum, die Neue Welt.