Ich hatte bereits den Großteil Europas und Teile Asiens bereist, als sich eine neue Gelegenheit bot: ein neues Land. Man hatte es mir als Traum geschildert – eine uralte Kultur, Kunst, die aus jeder Ecke sprudelte, und eine Küche, die mit solcher Ehrfurcht serviert wurde, dass sie fast zur Religion wurde. Jeder Quadratmeter Boden war von Geschichte durchtränkt, jedes Dorf glich einem sorgfältig gemalten Meisterwerk.
Doch schon vor der Reise begann dieses polierte Bild zu verblassen. Die Schatten wurden häufiger – Nachrichten von Blut und Angst füllten die Luft. Die Fäden des Drogenhandels webten ein Netz, Morde und Raubüberfälle nahmen zu, und Flüchtlingsströme, wie unaufhaltsame Fluten, die gegen die Grenzen brandeten, erschütterten die alte Weltordnung. Ich fuhr genau dorthin, wo alles zusammenlief – in eine Stadt, die von dunklen Gerüchten umgeben war, einen Ort, an dem Schönheit tödliche Gefahr verbarg. Es war Marseille. Frankreich.
Eigentlich sollte alles einfach sein – einen Freund treffen, im Mittelmeer schwimmen, in diese legendäre Romantik eintauchen. Stattdessen fand ich mich plötzlich auf einem anderen Kontinent wieder, mitten in Amerika. Aber das kam erst später.
Im Moment wollte ich nur vor Einbruch der Dunkelheit in der Stadt ankommen. Wenn mir das nicht gelang, würden die Probleme beginnen – auf der Straße zu übernachten wäre noch das geringste Übel. Ich stellte mir vage vor: das Meer, Wein, vielleicht ein paar ins Leere geworfene „Bonjours“. Die Realität hatte, wie immer, andere Pläne.Die Anreise war eine einzige Qual. Von Köln nach Luxemburg zog sich jede Stunde wie eine Ewigkeit. Die Strecke schien endlos. Die Zeit kroch, als wollte sie mich absichtlich aufhalten. Dann die französische Grenze – wieder Zeit, wieder Waggons. Und ich musste bis in den tiefen Süden. Ich hetzte, zählte die Minuten. Die Nacht brach herein, bevor ich ankam. Der Zug fuhr ein, als die Dunkelheit bereits die Straßen verschlungen hatte. Ich war zu spät.
Beim Aussteigen begann ich zu begreifen, in welche gefährliche Lage ich geraten war. Marseille öffnete vor mir sein finsteres Maul, und je weiter ich mich meinem Hotel näherte, desto tiefer versank ich in seinen Eingeweiden. Jeder Schritt zog mich weiter ins Herz der Dunkelheit, bis an den Rand der Innenstadt, wo verlassene Häuser und Ruinen vergessene Geheimnisse flüsterten. Jenseits der Innenstadt begann ein schattiges Viertel – ein Ort, an dem die Straßen wie ausgestorben wirkten, wo Gefahrengefühle in der Luft schwebten und die Nacht das Recht verschlang. Ich wusste nicht, dass mein Hotel genau dort lag. Niemand hatte mich gewarnt, dass ich mir einen Aufenthalt mitten in den Armen der Dunkelheit gebucht hatte.
Die Stadt war ein seltsamer Cocktail – französische Eleganz vermischt mit dem arabischen Flüstern des Orients, moderne Hochhäuser neben finsteren mittelalterlichen Gassen, und die prächtigen, anmutigen Haussmann-Fassaden des 19. Jahrhunderts, ertränkt in Müllbergen. Die Straßen lagen still da, leer bis auf die Obdachlosen, die wie verlorene Schatten an den Wänden entlangglitten. Ich trat in diese Welt ein, und sie stürzte auf mich ein – Gerüche, Farben, alles so fern der vertrauten Deutschland- und Ukraine-Welt. Und ich liebte es – diese Mischung aus Geheimnis und Gefahr, das Leuchten des modernen Lebens vermengt mit dem Geist der alten Massalia.
Die schwach von Laternen erleuchteten Straßen schienen endlos, und die Schatten der alten Gebäude streckten sich mir entgegen, als wollten sie mich ins Nichts zerren. Ich irrte durch ein Labyrinth mittelalterlicher Gassen, bis ich den nächtlichen Hafen erreichte. Das war der einzige lebendige Fleck der Stadt, wo die Menschenmenge eine Illusion von Leben erzeugte. Menschenmassen drängten sich – redend, lachend, ohne zu bemerken, dass sie nur wenige Meter weiter erstochen oder ausgeraubt werden konnten. Die Stadt zog sie magnetisch an, und sie bahnten sich ihren Weg, gleichgültig gegenüber der Gefahr, Portemonnaie oder Leben zu verlieren.
Der Hafen war übersät mit unzähligen Booten und Yachten, deren Masten wie eine angefressene Waldsilhouette aufragten, während die alten Gebäude ringsum mit schwarzen, leeren Fenstern stierten wie Augenhöhlen, die das Licht verschlungen hatten. Ich blickte auf, und hoch oben, auf einem Hügel über dem Straßengewirr thronte die Basilika Notre-Dame de la Garde, ihre goldene Madonna funkelte in der Nacht wie ein Stern, der ruft, aber nicht rettet. Die Dunkelheit umhüllte die Straßen, schwer, fast greifbar, während die Basilika fern schwach glühte wie ein Versprechen, das sich gleich auflösen würde. Alles war so geheimnisvoll, dass ich fast vergaß, wie leicht man hier für immer verschwinden konnte.
Ich hatte das Hotel verpasst – es öffnete erst morgens. Jetzt konnte ich nur weiter durch die Stadt irren und mich langsam dorthin vorarbeiten. Nach der Innenstadt beschloss ich, in seine Richtung aufzubrechen und mich durch das nächtliche Marseille zu schlängeln. Die Luft trug noch die letzten Sommerausläufer – warm, aber nicht die erdrückende Julihitze, mit einer leichten Feuchtigkeit, die an der Haut klebte. Ich dachte, es würde ein einfacher Nachtspaziergang werden – die Innenstadt würde modernen Wohnblöcken weichen, die alte Architektur in Betonquader übergehen, und irgendwo dazwischen würde mein Hotel wie eine Fata Morgana locken. Aber kein Glück.
Die Innenstadt brach abrupt ab. Dann kam das Viertel – jenes, das in keinem Reiseführer erwähnt wird. Hier schien die Realität zu zerbrechen. Die Stadt lag tot da – leer, leblos, voller Ruinen und verlassener Gebäude. Die Straßenlaternen funktionierten nicht; ihre verrosteten Masten ragten wie Grabsteine auf, und das Licht sickerte aus dem Nichts, grau und kränklich, beleuchtete nur Bruchstücke der Wirklichkeit, als würde jemand ein Foto der Welt zerreißen. Ein bedrohliches Schweigen erstickte die Luft, so dicht, dass ich meinen eigenen Atem wie den eines Fremden hörte. Die Luft war feucht, mit einem metallischen Geschmack, als hätten das nahe Meer und der Hafen sie mit Rost durchtränkt. Der Wind wehte gleichmäßig, zu glatt, fast erstarrt. Verlassene Häuser standen grinsend da, mit fensterlosen Hohlräumen, ihre gesprungenen Wände glichen Gesichtern, wenn man sie schräg ansah. Und dort, mitten in diesen Ruinen, versteckte sich mein Hotel – dunkel, wie ein weiterer Geist des Viertels.
An einem solchen Ort musste ich das Morgengrauen abwarten. Die Stunden krochen wie Schatten an den Wänden, und ich zählte die Minuten in der immer noch bedrückenden, unheimlichen Stille, die selbst dann nicht wich, als die ersten Strahlen durch den grauen Dunst sickerten. Endlich öffnete das Hotel. Ich warf meine Sachen ab, aß hastig – knuspriges Baguette, Marmelade, starker Kaffee mit einem Hauch von Hafen – und ging los, um den Freund zu treffen, den ich seit zwei Jahren nicht gesehen hatte. Sein Gesicht, vertraut und doch vom Verstreichen der Zeit leicht fremd geworden, wartete im Zentrum auf mich, dort, wo die Stadt so tat, als wäre sie lebendig.
Von ihm erfuhr ich von dem Vorfall, der sich genau an diesem Morgen ereignet hatte – eine Geschichte, nach der die Luft wieder so schwer wurde wie in der Nacht. Mein nächtlicher Spaziergang durch die Bruchbuden, wo hinter jeder Ecke ein Messer oder eine flinke Hand lauerte, war merkwürdigerweise völlig glatt verlaufen. Wer hätte gedacht, dass die wirklichen Probleme nicht in der finsteren Kehle der Nacht lauerten, sondern mitten am helllichten Tag, im Herzen Marseilles.
Am Hafen hatte ein Bekannter meines Freundes für einen Moment die Wachsamkeit verloren. Er vergaß, wo er sich befand. Ein Mädchen setzte sich zu ihm, sie plauderten nett, und währenddessen schoss aus der Menschenmenge ein Schatten hervor, riss blitzschnell seine Tasche an sich und verschwand in den Gassen. Und was, glauben Sie, war darin? Absolut alles – Reisepass, Personalausweis, sämtliches Geld, Bankkarten, Smartphone. Der gesamte Besitz, den der Mann bei sich trug. Und er hatte tatsächlich alles in eine einzige Tasche gepackt und nach Marseille mitgebracht – in eine Stadt, in der man einem die Taschen mit Vergnügen leer räumt, und das ist noch die harmlose Variante. Es heißt, hier schneidet man einem lieber die Kehle durch, als sich lange mit einem abzugeben. Die ganze Geschichte endete düster: Die französische Polizei schrieb unter Gekicher ein Protokoll und schickte die beiden zum Teufel.
Sobald die nächtliche Schwärze gewichen war, zeigte sich die Stadt in völlig anderem Gewand. Jetzt war sie eine weiß leuchtende südliche Stadt mit klassischem französischem Charme. Die warme Sonne flutete die Straßen, streichelte die Haut mit weichem Licht, und in der Luft schwebte der Duft edler französischer Parfüms – als hätte sich Guerlain mit dem salzigen Atem des Hafens vermischt. Die Fassaden sind abgeblättert, schämen sich ihres Alters aber nicht – im Gegenteil, sie tragen es wie alte Juwelenringe zur Schau.
Marseille lebt von der Sonne, faul ist es nicht, aber es hetzt auch nicht – es atmet einfach in seinem eigenen Rhythmus. Auf den Terrassen trinkt man den Kaffee langsam und betrachtet die Vorbeigehenden, als wären sie Schauspieler in einem Straßentheater. Sein Geist ist hafenhaft, rau, glühend, halb-legal. Hier gehört nichts einer einzigen Nation, einem einzigen Volk. Gerüche, Gesichter, Sprachen, Erinnerungen – alles ist vermischt, alles fremd und zugleich vertraut. Jede Straße hat ihren Namen und ihre Narbe. Jedes Café hat den Schatten eines alten Mannes, der hier seinen letzten Pastis trank und in die Leere starrte.
Nun stand mir bevor, die Freunde meines Kumpels kennenzulernen. Unter den üblichen Ukrainern stach ein Belarusse hervor, Spitzname Antib. Er hatte die Nase voll vom regnerischen Belarus und beschloss, in den sonnigen Süden Frankreichs zu ziehen. Aber wie? In Frankreich ist es normalerweise fast unmöglich, Asyl zu bekommen, wenn man nicht aus einer ehemaligen französischen Kolonie kommt. Da inszenierte Antib vor den Franzosen ein oscarreifes Drama: Er sei ein unglücklicher Transgender, den das Lukaschenko-Regime gedemütigt habe. Um sein Leben zu retten, sei er nach Frankreich geflohen, wo man Menschenrechte schließlich immer unterstütze. Für noch mehr Dramatik hätte man, so erzählte er, auch noch Wahnsinn draufpacken können: sabbern, in die Hose machen, Epilepsie vortäuschen, sich winden wie ein gefoltertes Opfer des Regimes. Und was machte mein neuer Bekannter, kaum in Frankreich angekommen? Arbeiten? Französisch lernen? Natürlich nicht.
Antib weihte mich in eine neue, bislang unbekannte Welt ein – die Welt der professionellen Schnorrer und Okkupas. Okkupas, das ist nicht einfach Hausbesetzung. Das ist die Kunst, außerhalb aller Regeln zu leben, Obdachlosigkeit zum Beruf zu erheben und Überleben zur Ideologie. Er bettelt nicht. Er tritt ein, lächelt, und dein Haus wird zu seiner Bleibe. Und du bist plötzlich nur noch Gast im eigenen Schatten.
Antib erklärte, Französischkurse seien nichts für ihn – da seien sowieso meist Araber, und mit denen wolle ein Herrenmensch wie er nichts zu tun haben. Arbeiten komme ebenfalls nicht infrage – man finde ja alles Mögliche auf dem Müll. Am meisten schockierte mich aber seine Wohnsituation. Er zog einfach in eine fremde Villa ein und stolzierte dort herum, als gehörte sie ihm. Er lebte dort, bis die Eigentümer auftauchten. Haben sie ihn rausgeworfen? Nein, sie wollten ihn sogar als Hauswächter behalten. Aber Antib, nicht auf den Kopf gefallen, machte ihnen ein Angebot, das man eigentlich nicht ablehnen kann: Die Franzosen sollten ihm Geld zahlen dafür, dass er weiter in ihrem Haus auf ihre Kosten schmarotzt. Legendär. Natürlich flogen danach die Fetzen, und er wurde sofort rausgeschmissen.
Die modernen Gesetze hören nicht auf, einen zu überraschen: Bleib ein paar Tage in einer fremden Wohnung, und du darfst bleiben. Die Polizei kann dir nichts anhaben, aber den Eigentümern tut es weh, wenn dir etwas zustößt. Oh, was für Probleme die dann haben. In Kalifornien sind Diebstähle bis tausend Dollar eine Bagatelle, mit der sich die Polizei nicht abgibt. Stell dir vor: Räum Smartphones, Ware aus Läden raus – alles deins. In Frankreich erschwert zusätzlich der politische Druck auf die Polizei die Sache, man versucht, sie an die Leine zu legen. Dabei hat sie ohnehin nicht gerade Lust zum Kampf – man denke nur an die Geschichte mit meinem Bekannten, als die Polizei nur gelacht hat, oder an Viertel, in die sie sich nicht traut reinzufahren. Manchmal fahren sie wie ungebetene Gäste mit ausgeschalteten Sirenen und Vollgas durch unliebsame Stadtteile. Und manchmal, wie in den Pariser Banlieues, packen die lokalen Migranten sie am Schlafittchen und werfen sie raus wie nasse Katzen. In Deutschland lieferten sich Islamisten ein blutiges Wettrennen: Wer erfindet die kreativste Art, Deutsche abzuschlachten – Messerstechen auf der Tanzfläche, Bomben oder sie wie Bowlingkegel ummähen. Der Sieger steht noch nicht fest. Genau diese Stimmung, durchtränkt von den jüngsten Unruhen, hing auch über Nizza, und dorthin lud mich mein neuer Kumpel seelenruhig ein, als wäre nichts dabei.
Nach Marseille begann ein rasender Kaleidoskoprausch aus Orten: Nizza, Cannes, Antibes, Toulouse, Lissabon… und irgendwo jenseits des Horizonts schimmerte schon Amerika. Alles verschwamm zu einem einzigen verwaschenen Band aus Landschaften und Erwartungen. Aber zuerst lockte Nizza. Der berühmte Badeort, ganz Glanz, Yachten und Palmen, doch mit Geheimnissen, die sich hinter dem Glamour versteckten. Hinter dem Leuchten der Côte d’Azur lauerten Schatten: verfallene Hinterhöfe, verblichener Luxus und das Gefühl, dass unter all der Schönheit schon lange etwas erloschen ist, aber noch aus den Ritzen flüstert.
Antib lud mich ein, Nizza und seine „Heimatstadt“ Antibes zu sehen, und malte sie mir als das letzte Paradies auf Erden aus. Kein Wunder, kurz darauf verpisste er sich. Ich habe ihn nie wieder gesehen. So stand ich in Nizza schließlich allein da. Spätabends angekommen, machte ich mich auf einen Spaziergang entlang der endlos langen Promenade des Anglais: eine Kette teurer Villen im italienischen Barock, Belle-Époque- und Jugendstil. Über den Asphalt glitten Schatten: jogpende Silhouetten, Fahrräder, alte Männer auf Bänken, schweigend rauchende Pärchen. Tagsüber ist das Meer hier nicht einfach blau, sondern grell-türkis wie auf Postkarten. Nachts aber wurde es pechschwarz. Himmel und Meer verschmolzen zu einer einzigen tintigen Leere, als gäbe es jenseits der Küstenlinie nichts mehr, nur endlose Schwärze. Nur ab und zu blitzten in dieser Finsternis Flugzeuglichter auf wie ferne Sterne, die daran erinnerten, dass es die Welt noch irgendwo dort gab.
Auf dem Rückweg zum Hotel verirrte ich mich natürlich. Kaum hatte ich die schöne Villenreihe der Promenade des Anglais verlassen, trat ich wie in eine andere Realität. Jenseits der Prachtvillen versteckte sich eine völlig andere Welt, die schmerzhaft an Marseille erinnerte. Die Bahngleise bildeten hier eine unsichtbare Grenze und zerschnitten die Stadt in zwei Hälften. Kein Barock mehr, keine Parfümwolken, kein Côte-d’Azur-Glanz. Nur Plattenbauten, Autolärm und ein ewiger Irrgarten aus Baustellen. Für einen Moment zeigte Nizza seine dunkle Fratze: Benzingeruch, finstere Hausflure, ein leichter Schauer im Nacken, genau derselbe Marseille-Cocktail aus Freiheit und unterschwelliger Gefahr.
Die Reise beschleunigte sich rasant, für die anderen Städte blieb immer weniger Zeit. Morgens noch ins unwirklich klare Türkis von Nizza getaucht, verließ ich die Stadt schon wieder. Cannes, das nächste schöne Südstadtschnipselchen, rauschte vorbei, ohne irgendwas zu hinterlassen außer noch einer Ladung Glamour. Dann Antibes mit seinem absolut friedlichen Hafen, den scheinbar ein Riese bewachte. Ein kolossaler Klotz von Mensch hockte da, die Knie mit den Armen umschlungen, und starrte aufs endlose Meer, als hütete er dessen Geheimnisse. Die Städte flogen vorbei wie Standbilder aus einem alten Film, und ich raste weiter, spürte, wie die Côte d’Azur langsam im Dunst hinter mir zerfloss.
Irgendwo jenseits des Horizonts lockte noch immer der amerikanische Traum, aber ich wollte erst noch ein bisschen mehr Frankreich schmecken. Es gibt nur wenige Städte hier, die nicht versuchen, Paris nachzueifern. Dijon zum Beispiel nennt man Klein-Paris – klingt großspurig, ist aber nur ein Schatten der Hauptstadt. Kaum jemand kann Paris wirklich die Stirn bieten. Eine der wenigen Ausnahmen ist Toulouse.
Die Rivalität zwischen Toulouse und Paris reicht Jahrhunderte zurück. Im Mittelalter war nicht Paris, sondern Toulouse das kulturelle Herz Frankreichs. Es setzte die Trends, seine Troubadour-Kultur schwappte durch ganz Europa und zündete in der Finsternis des Mittelalters das Feuer von Romantik und Liebe an.
Wie ein Nachtfalter flog Toulouse zu nah an das verbotene Feuer heran und verbrannte in seiner schwarzen Flamme. Aus den Tiefen Persiens, aus einer Dunkelheit, die älter ist als die Sterne selbst, kam die Gefahr – lautlos und gnadenlos. Sie erstickte die Lieder der Troubadoure und verwandelte Romantik in Asche.
Der Funke, der Toulouse und das ganze Languedoc in Brand steckte, waren die manichäischen Ketzer.
Weit weg in Persien, wo der Wüstensand von vergessenen Göttern flüstert, webten sie Predigten, die nach Rauch und Wahnsinn rochen. Unter Sternen, die die Geburt der Welt gesehen hatten, verehrten diese Priester der Finsternis das Feuer – nicht das wärmende, sondern das, welches Seelen verschlingt. Ihre Rituale, versteckt in iranischen Höhlen, gebaren Visionen vom Weltuntergang. Am Ende wurde die Sekte im Iran ausgelöscht, doch ihre Splitter verbreiteten sich wie giftiger schwarzer Rauch über die Welt und vergifteten das Herz von Toulouse.
Sie nannten sich selbst die Reinen. Alle anderen brandmarkten sie als Ketzer. Die Wahrheit entschlüpfte wie Asche zwischen den Fingern. Die Katharer glaubten, diese Welt sei gefallen, falsch, vom bösen Prinzip erschaffen. Sie wollten das Christentum mit dem Gift manichäischer Lehren vermählen und die Erde von Schmutz reinigen. Doch ihre Träume verbrannten im Feuer der Albigenserkreuzzüge. Der Kreuzzug fegte wie ein schwarzer Sturm durch das Languedoc und hinterließ nur Rauch und Knochen. Südfrankreich wurde „gereinigt“ – nicht vom Bösen, sondern von seinen Bewohnern. Auf die Frage, was mit den einfachen Gläubigen geschehen solle, antworteten die Kreuzritter schlicht: „Tötet sie alle. Gott wird die Seinen schon erkennen.“ Die Gassen von Toulouse, die einst von Liebe sangen, tränkte sich mit Rauch und Blut, und die Stadt, die einst Europa entzündet hatte, stürzte in Asche.
Das Languedoc, dieses Land aus roten Steinen und alten Narben, ist auf seltsame Weise mit meiner Lieblingsfigur verbunden – Indiana Jones. Paradoxerweise wurde der unermüdliche Nazi-Jäger von einem echten Nazi-Archäologen abgeschrieben. Hier in Toulouse schnüffelte ein Agent der Ahnenerbe nach dem Heiligen Gral. Für die Katharer war der Gral der Weg zum „wahren Licht“; für die Nazis eine Superwaffe; für Indiana Jones eine Reliquie, deren Kraft sich in Fragen von Leben und Tod auflöste. Ich wanderte durch diese Straßen, und die Schatten der Katharer, Kreuzfahrer, SS-Männer und Abenteurer flüsterte im Wind.
Die ganze Stadt war durchtränkt von Altertum und einem einzigen roten Stil – von den Ziegelmauern, die sich noch an die Troubadoure erinnerten, bis zum Pflaster, das vom Blut der Katharer rot war. Jeder Schritt hallte vom Echo der Vergangenheit wider. Die Sonne ging unter und tauchte Toulouse in scharlachrote Strahlen, als wollte sie ein mittelalterliches Schlachtgemälde wieder zum Leben erwecken. Die Türme warfen Schatten wie Speere, die Luft zitterte von etwas Unsichtbarem – Gebet oder Fluch. In diesem roten Glühen atmeten die Mauern, bewahrten Schmerz und Ruhm. Doch mein Weg führte weiter.
Nachts landete ich in der Stadt, die am Kreuzweg der Welten steht, im uralten Hafen, wo der Atlantik auf Europa trifft. Lissabon. Eigentlich nur ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Kanada, doch irgendetwas in seiner nächtlichen Stille rief mich. Bis zum nächsten Flug war nicht viel Zeit, also beschloss ich, keine Minute zu verschwenden, die fremde Stadt mit ihrer salzigen Luft und dem zitternden Laternenlicht in mich aufzusaugen.
Die durchwachten Stunden machten sich jedoch bemerkbar. Die Grenze zwischen Schlaf und Wirklichkeit löste sich auf. Lissabon wurde zur Fata Morgana, einem Küstentraum im Wachsein.
Fast sofort verlor ich mich im Labyrinth der Altstadt. Die schmalen, gepflasterten Gassen der Alfama, pulsierende Adern gleich, zogen mich immer tiefer in ihr Herz, wo die Zeit längst aus dem Takt geraten war. Feuchte Mauern atmeten Jahrhunderte, die Luft war schwer von Salz, Stein und einer kaum greifbaren Schwermut, als erinnere sich die Erde an all jene, die nicht aus dem Meer zurückkehrten. Aus lauten Cafés und winzigen Plätzen quollen die traurigen Melodien des Fado, Lieder von Frauen, die ihre Männer an die Wellen verloren hatten.
Um nicht vor Müdigkeit umzukippen, ging ich in eine winzige Kaffeebar. Hinter dem Tresen stand eine atemberaubend schöne Frau, bleich, mit rabenschwarzem Haar und Augen so dunkel wie die Tiefsee. Sie bewegte sich leicht, fast tanzend, schenkte Kaffee ein mit der Präzision eines Jongleurs und der Anmut einer Straßen-Esmeralda. Erst nach einer Weile merkte ich, warum ich den Blick nicht abwenden konnte, die Müdigkeit summte in meinen Schläfen, und sie wirkte wie ein Traum, in dem man gerne länger bleiben würde.
Als ich die Bar verließ, wollte ich die hoch über der Stadt thronende Burg finden. Auf einer steil serpentinartig aufwärts führenden Gasse kam ich am Sé de Lisboa vorbei, der im Nachtdunst versank. Er wirkte uralt und düster, fast verbrannt, ein Geist aus alten Zeiten, schwer gezeichnet vom gewaltigen Erdbeben von 1755, nach dem das Imperium in den Abgrund gestürzt schien und sich nie mehr ganz erholt hatte. Seine romanischen Türme ragten schwarz auf wie abgenagte Knochen.
Plötzlich zerriss ein wildes Brüllen die Stille. Aus der Dunkelheit schoss eine alte Straßenbahn hervor wie ein vergessenes Tier aus einem Traum, metallisch, mit abblätternder Farbe und beschlagenen, milchigen Scheiben, in denen gelbliches Licht schwach flackerte. Sie donnerte so nah vorbei, dass mir die Ohren klangen. Drinnen huschten kaum erkennbare Gestalten, verschwommen, aber auf unheimliche Weise real, dass es mir kalt den Rücken herunterlief. Der Waggon schien nicht auf Schienen zu fahren, sondern außerhalb der Zeit zu gleiten, wie ein Schatten aus einer anderen Dimension.
Schließlich erreichte ich die Burgmauern und sah die ganze Stadt unter mir ausgebreitet. So weit das Auge reichte, lag Lissabon wie mit goldenem Staub überzogen da, und die winzigen Lichter tief unten glichen leuchtenden Sternen. Ein einzelner Glühwürmchen flog vorbei, eine einsame Funke, die aus diesem Sternenmeer geflohen war.
Ein paar Stunden später stand ich schon wieder am Flughafen und ließ Lissabon mit seinem Fado und dem salzigen Wind hinter mir.
Dahinter wartete die Provence, die Welt römischer Ruinen, mittelalterlicher Burgen und Landschaften, wie sie Van Gogh oder Cézanne gemalt hätten, wo die Straßen nach Sonne, Meer und frischem Kaffee dufteten.
Eine Welt, in der Leben kein Hasten ist, sondern ein Tanz mit dem Augenblick, in dem jeder Schritt Sinn und Genuss trägt. Dieses Kunst des Lebens, sonnendurchtränkt und langsam, wo alles in den Details steckt. Art de vivre.
In ein paar Stunden erwartete mich eine völlig andere Universum, die Neue Welt.
Nach vielen Tagen der Reise kam ich endlich in Toronto an – dem eigentlichen Ziel meiner Fahrt. Die Neue Welt, eine neue Welt – scheinbar ähnlich wie Europa, doch alles hier war anders.
Schon vor der Ankunft hatten mich beunruhigende Gerüchte erreicht: eine Stadt, deren Straßen in den Schatten von Junkies, Fentanyl-Rauch und Chaos ertrinken. Ich erwartete Menschenmassen mit Augen, die längst die Dunkelheit verschlungen hatte, zuckende Hände wie an Fäden und schleppende Füße, die Spuren im Dreck hinterließen – Straßen, in denen Fentanyl in der Luft liegt und das Leben in Nadeln und Röcheln versinkt.
Als ich in Toronto landete, war ich auf den Zombie-Apokalypse aus den Gerüchten vorbereitet. Aber nichts dergleichen. Im Zentrum gab es Obdachlose, doch nicht mehr als in jeder anderen Stadt.
Stattdessen schockierten mich die Entfernungen – riesig, wie Abgründe. Hier läuft man nicht einfach zu Fuß wie in Europa. Das Taxi brachte mich zum Hotel, und die Stadt versank schnell in der Dunkelheit. Wir fuhren immer tiefer in Wald und Einöde hinein, doch wie sich herausstellte, war das immer noch Stadt. Der Vorort von Toronto – Mississauga – glich eher einer verstreuten Ansammlung von Cottages inmitten von Ödland als einer richtigen Stadt.
Toronto wirkt wie aus Flickenteppich zusammengenäht – aus verschiedenen Epochen, Ländern und Ansätzen, aber ohne klares Gesicht. Vororte mit Cottages, die zwischen Brachflächen verstreut liegen, trostlose sowjetische Plattenbauten mit abgeblätterten Balkonen, viktorianische Häuser, moderne Wohnkomplexe – und darüber die steinernen Dschungel des Businessviertels, wo Glas- und Betonwolkenkratzer den Himmel zerschneiden. Kein Europa mit seinen Jahrhunderten Geschichte. Toronto ist Pragmatismus, Wirtschaft, Migration.
Bei einem Spaziergang zum Ontariosee verlor ich jedes Zeitgefühl. Das verblassende Tageslicht und die dichter werdenden Schatten erinnerten mich schließlich an die Uhr. Der Himmel wechselte von Grau zu Tiefschwarz und verschlang die letzten Sonnenreste. Der Wind heulte wie ein alter Geist, und es wurde schlagartig kalt, obwohl es erst September war. Sterne gab es keine, eine dunkle Wolkendecke verhängte den Himmel, nur ferne Blitze rissen die Finsternis in Stücke. Die Kälte fraß sich in den Körper, und ich beschloss, umzukehren. Am Ufer entlang kam ich zu einer seltsamen Brücke – ein weißer Bogen über dem Wasser, der an einen knöchernen Drachen erinnerte. Sein gebogener Rücken, die Seilrippen und das metallische Knarren unter den Schritten erzeugten das Gefühl, als würde ich über das Rückgrat eines erstarrten Ungeheuers laufen. Die Brücke schien lebendig – als würde sie sich jeden Moment schütteln und in den Himmel aufsteigen.
Die Nacht rückte näher. Mein Hotel lag am Rand von Mississauga – also eigentlich gar nicht in Toronto –, und die eisige Kälte durchdrang schon die Knochen. Der Handy-Akku war fast leer, Ladegerät hatte ich keines dabei. Ich erreichte irgendwie die U-Bahn, fuhr bis zur richtigen Linie, stieg aus – und merkte sofort, dass es die falsche Station war. Ich stand in einem unbekannten Viertel, genauer gesagt in einer völlig anderen Stadt. Das Handy starb endgültig, und ich war allein mitten in einer dunklen Leere, wo alles gleich, leblos und fremd aussah.
Die Einheimischen plapperten auf Hindi oder mit einem Akzent, bei dem die Wörter an mir vorbeiglitten – weder ein Taxi rufen noch verstehen, wohin die Busse fahren. Mit drei Bussen mitten in der Nacht kam ich nach Mississauga und stellte mich mit einer Gruppe Inder an die Haltestelle, um auf meinen Bus zu warten. Die Kälte wurde fast unmenschlich – der echte Winter hatte begonnen. In der Ferne tauchten endlich die Lichter eines Busses auf. Ich wollte schon einsteigen, doch eine Inderin neben mir tippte auf die Karte und sagte, er fahre in die entgegengesetzte Richtung – zurück nach Toronto. Im letzten Moment rollte mein Bus heran, und ich fiel zitternd und mit klappernden Zähnen hinein. So kam ich endlich zum Hotel.
Mitte September, mein Geburtstag. Und wo sollte ich ihn feiern? Natürlich am Niagarafall. Der legendäre Strom, nur ein paar Stunden von Toronto entfernt, war nicht einfach eine Touristenfalle – in ihm steckte etwas Uraltes, Mythisches. Seine Macht versprach eine Initiation, einen schamanischen Ritus, der die Seele durchschütteln würde.
Zuerst endlose Umsteigerei – Busse, Zug. Doch als ich fast da war, drehte der Zug plötzlich um und fuhr zurück. Ich musste wieder in einen Bus umsteigen – der Wasserfall ließ sich nicht so leicht erobern. Als ich in Niagara Falls ankam, umhüllte mich sofort ein seltsamer Klang – gleichzeitig fern und nah, als käme er nicht aus der Luft, sondern aus der Erde selbst oder aus der Zeit. Je näher ich kam, desto klarer wurde aus dem Rauschen ein Brüllen, als rissen mächtige Hände den Raum entzwei. Der Fall war noch nicht zu sehen, doch seine Stimme füllte bereits alles aus.
Endlich erblickte ich die gewaltigen, blendend weißen Wassermassen, die wie in die Unendlichkeit hinabstürzten und eine Kaskade von Fällen bildeten. Vor mir tat sich eine entsetzliche Leere auf – ins Jenseitige, jenseits aller Grenzen. Mitten in den weißen Wellen dieses Abgrunds glitten winzige Fähren dahin, als schwebten sie direkt in der Maulöffnung der Charybdis – jenes uralten Strudels, der alles in die Tiefe des Vergessens reißt.
Aber das reichte mir nicht. Ich wollte die uralte Macht des Falls am eigenen Leib spüren. Ich hätte die Fähre nehmen können, doch sie fuhr nicht direkt an die Wasserwand heran – zu gefährlich. Stattdessen entschied ich mich, in den Wasserfall hineinzugehen, durch Tunnel zu laufen und ins Herz seiner gewaltigen Elementargewalt zu gelangen – dort, wo das Tosen der Wassermassen alles übertönte und der dichte Nebel aus feinsten Tröpfchen mich wie ein dichter weißer Ozean umhüllte, die Grenzen der Wirklichkeit verwischte.
Die einheimischen Schamanen glaubten, dass in diesem Nebel ein Geist wohne, und tatsächlich wirkte der Wasserfall wie ein lebendes Wesen.
Es dämmerte schnell – ich musste den letzten Bus nach Mississauga erwischen. Auf dem Weg zur Haltestelle staunte ich über den Kontrast zwischen Niagara Falls und dem Wasserfall selbst. Die Stadt pulsierte vor Neon und Musik, ein endloser Karneval, der keine Müdigkeit kannte. Plastikbuden mit Souvenirs glänzten unter Feuerwerken, Attraktionen donnerten wie riesige Spielzeuge. Es roch nach Popcorn und Benzin, Kindergelächter mischte sich mit Akkordeonklängen. Blinkende Casinoschilder, Lockrufe von „besten Touren“ – alles wurde zu einem wahnsinnigen Zirkus. Ich rannte und spürte, wie diese Jahrmarktshektik das Brüllen des Falls übertönte. Als würde die uralte Naturgewalt in diesem Plastikvergnügen untergehen.
Die Reise neigte sich dem Ende zu, und ich wollte sie mit etwas wie einer Initiation abschließen. Mein Freund, mit dem wir im Mittelmeer geschwommen waren, hatte mir erzählt, wie er einmal in Toronto Zauberpilze ausprobiert hatte. Irgendwann war er völlig durchgedreht – wie ein Besessener raste er durch die Straßen, wälzte sich am Boden, sabberte, bis der Krankenwagen kam. Ich war überzeugt, dass mir so etwas nicht passieren würde.
Mich hat immer das Grenzüberschreitende angezogen. LSD, Pilze – ja, das ist nur Chemie, Illusionen der Wahrnehmung, aber manchmal gelingt es genau dadurch, die Grenzen des Gewohnten aufzubrechen. Mir ging es nicht um Unterhaltung, sondern um den Moment, in dem Angst, Risiko und Ekstase dich mit etwas Echtem konfrontieren. Das echte Leben beginnt dort, wo Spannung entsteht, innere Schärfe – wo etwas Wichtiges auf dem Spiel steht.
Das konnte alles Mögliche sein – Berge, eine Straße ohne Karte oder eine innere Veränderung. Alles, was die Chance gibt, die Welt anders zu erleben, von der anderen Seite – als würde die gewohnte Realität plötzlich „aufplatzen“ und in dem Spalt etwas Neues durchscheinen. Wahrscheinlich spüre ich einfach solche Momente auf – seltsame Symbole, Musik, Licht, diese feinen Schwingungen, in denen etwas Echtes beginnt.
Um zu sehen, was jenseits der gewohnten Welt liegt, braucht man einen schamanischen Ritus – jemanden oder etwas als Führer zwischen den Welten. In Toronto war ich allein, und dieser Führer konnte nur der Goldene Lehrer sein.
Der Goldene Lehrer erwies sich als unglaublich starker halluzinogener Pilz, und niemand war da, der mich hätte beaufsichtigen können. Dieses Experiment hätte mich beinahe umgebracht. Später, als ich stundenlang im Internet recherchierte, verstand ich: Die Dosis war tödlich oder hätte zumindest meine Psyche für immer zerreißen können.
Alles begann harmlos. Ich bin gegen Halluzinogene fast unempfindlich und dachte, der Goldene Lehrer würde mir einfach ein paar Fragen beantworten, mir etwas beibringen, eine Tür in eine andere Welt öffnen. Ich war auf alles vorbereitet – Hölle, Cenobiten, Astralreise. Aber der Pilz wusste, was er tat, und traf mich genau an der schwächsten Stelle.
Ich ging in den Park. Aß ein paar Pilze. Keine Wirkung. Wartete. Nichts geschah. Ich spürte alles um mich herum sehr fein und wusste längst, dass Pilze bei mir kaum wirken. Am Ende aß ich… fast alles – etwa zwanzig Stück.
Keine Halluzinationen, keine Monster – die Realität wankte nicht einmal. Aber mit jeder Minute verlor der Körper mehr Kontrolle, wurde immer stärker gelähmt, die Zeit verlangsamte sich, und das Gehirn schien zu erlöschen. Ich war mental vorbereitet, spürte aber, dass eine tödliche Welle, ein Bewusstseinssturm, noch bevorstand. Ich musste schleunigst aus dem Park raus.
Schon hier begannen die Probleme. Mississauga ist stellenweise ein Labyrinth aus Cottages. Ich ging eine Allee hinunter und wartete auf den Durchgang zwischen den Häusern, wie auf der Karte. Er war nicht da. Sackgasse. Der Tsunami, der mein Bewusstsein wegfegen konnte, drohte jeden Moment zuzuschlagen. Schließlich entdeckte ich einen schmalen Pfad zwischen den Häusern, zwängte mich hindurch, erreichte die Hauptstraße und kam ins Hotel.
In diesem Moment schlug der neunte Wellenschlag in meinem Bewusstsein ein. Das war überhaupt kein „einfaches Gespräch“ mit dem Pilz – das Gehirn funktionierte immer schwächer, und ich spürte klar, wie ich geistig starb, zu einem völligen Idioten wurde – ohne Übertreibung. Ich verstand nicht mehr, wo ich war, wusste aber, dass etwas nicht stimmte, dass ich verblöde. Das Schlimmste: Ich war mir bewusst, dass mein Bewusstsein zerbrach, und nichts konnte helfen.
Am Anfang hätte ich noch den Notruf wählen können, aber bald war es zu spät – ich konnte nicht mehr sprechen. Keine der üblichen Gegenmittel half diesmal. Ich trank Wasser – nutzlos. Duschte, sah aber nur, wie in der Dunkelheit Blitze zuckten und Funken oder vielleicht Atome tanzten. Versuchte einzuschlafen, mich zu entspannen – unmöglich. Der Goldene Lehrer ließ mich nicht los, hielt mich vollständig gefangen. Und das war noch nicht das Schlimmste.
Ich wusste, dass bei LSD oder Pilzen die Zeit sich verlangsamt, aber diesmal war es viel schlimmer. Ich wurde zur Figur aus einer King-Geschichte – „The Jaunt“, wo der Junge statt einzuschlafen während der Teleportation zum Mars den Gas nicht einatmet. Für ihn dehnte sich eine Sekunde zu Milliarden Jahren aus – Milliarden Jahre in endloser Leere. Er kam zurück, aber sein Verstand hatte die Ewigkeit nicht überstanden und war für immer wahnsinnig geworden. Ich war in eine solche zeitliche Abgrund geraten. Obwohl erst zwei Stunden vergangen waren. Phasenweise kehrte ich zurück, dann überrollte mich wieder eine seltsame Welle. Nach zwei Stunden tauchte ich öfter auf, gewann langsam die Kontrolle über den Körper zurück. Es war ein seltsamer Kampf – meine Logik gegen den totalen Wahnsinn. Am Ende kehrte das Bewusstsein vollständig zurück, doch der Pilzeffekt hielt noch an. Es fühlte sich an, als hätte ich eine Initiation durchlaufen – falls es überhaupt eine war. Der Goldene Lehrer hatte mir eine Lektion erteilt.
Das war keine bloße Metapher – es war eine echte, lebendige Begegnung mit Tod, Angst und dem Zerfall des Bewusstseins. Das, was Schamanen „Zerstückelung“ nennen – der Moment, in dem du entweder als anderer zurückkehrst oder gar nicht. Und ich kehrte zurück.
Obwohl mein Ego zu Staub zerfallen war, war ich bereit, weiterzuschauen – jenseits davon. Das ist kein bloßer Thrill. Es ist die Suche nach der Grenze, wo das „Ich“ verschwindet und etwas Größeres, Namenloses durchscheint. In diesem Moment wirst du zum Erforscher der Dunkelheit – an der Schwelle der Welten, wo die „dunkle Nacht der Seele“ nicht nur Prüfung, sondern Tor ins Unbekannte ist.
Am nächsten Morgen blieben mir fünf Pilze.
Nach einem solchen transzendenten Horror hätte wohl jeder andere sie weggeworfen.
Aber die Angst war weg. Alles, was passieren sollte, war bereits passiert.
Ich dachte, die Wirkung würde minimal sein, und aß sie.
Die Initiation war vollendet.
Ich konnte nach Europa zurückkehren.
Es war Zeit heimzukehren. Ich dachte, alle Probleme lägen hinter mir – ein paar Umsteigeverbindungen, und ich wäre in Köln. Doch nachts, als ich auf den Azoren mitten im Ozean landete, erfuhr ich mit Entsetzen, dass meine Tickets ungültig waren. Die Transitzone in London war gestrichen, und bei der Ankunft hätte mich eine Schleife zwischen den Grenzen erwartet. Ich wurde zur Figur aus dem Film „The Terminal“. Weiterfliegen – unmöglich. In die Stadt hinaus – unmöglich. Zurückfliegen – ebenfalls unmöglich, denn selbst für die Transitzone in London brauchte man ein Visum. Ich steckte in einem Niemandsland fest – weder hier noch dort, ohne das Recht, vorwärts oder rückwärts zu gehen.
Ich musste die gesamte Route umbauen und stattdessen nach Lissabon fliegen und dann weiter auf die Balearen vor Spanien. Der nächste Flug ging jedoch erst am Morgen, und eine Unterkunft für die Nacht gab es nicht. Das Wetter war herrlich, also beschloss ich, durch das nächtliche Ponta Delgada zu spazieren. Die Azoren, verloren mitten im Atlantik, waren von endlosem Ozean umgeben. Die Stadt, eingehüllt in eine zauberhafte Stille, wirkte wie ein Hafen am Rand der Welt. Das Zentrum, besonders die Uferpromenade, lebte von Licht, Stimmen und Düften. Die alte portugiesische Architektur erwachte in der Nacht zum Leben: weiße Fassaden mit dunklen Steinrahmen, geschwungene Balkone, schmiedeeiserne Geländer, Bögen, Kirchen – alles schwebte über dem Pflaster, durchtränkt von jahrhundertealter Geschichte. Niedrige Häuser mit leuchtend blauen und grünen Fensterrahmen, geschnitzten Läden, Straßen aus Kopfsteinpflaster, Balkone mit Geranien und Weinreben. Im Zentrum barocke Kirchen und massive Steingebäude mit Arkaden und Säulen, die der Stadt einen alten Charme verliehen. Ich fühlte mich, als wäre ich in ein Miniatur-Lissabon getreten. Ab und zu zerriss ein Roller die Stille, doch sein Geräusch ertrank im Rauschen der Palmen.
Allmählich schlossen die Cafés, die Menschen schienen sich aufzulösen. Ich setzte mich neben ein paar Büsche und bemerkte plötzlich, wie darin große Tiere herumschlichen. Das war ein klares Zeichen – Zeit, zum Flughafen zurückzukehren. Ich wartete das Morgengrauen und die Terminalöffnung ab, und am Tag war ich schon wieder in Lissabon, am Abend erneut auf einer Insel, auf Mallorca.
Bis zum Flug blieb Zeit, und ich wollte Palma, die Hauptstadt Mallorcas, eines der Baleareninseln, erkunden. Zuerst wirkte die Stadt wie ein gewöhnlicher südlicher Hafen: Festungsmauer, mittelalterliche Gassen – und wie könnte Palma ohne Palmen auskommen, die am Kai schwankten. Am Ufer lagen Boote und Schiffe – auf den Sand gezogen oder an Poller festgemacht. Doch über allem thronte etwas Unglaubliches. Die Dunkelheit des Himmels durchstach ein beleuchteter Dom – oder vielleicht eine Festung. Er war so gewaltig, dass er mit der schwarzen Leere des Nachthimmels verschmolz. Zuerst dachte ich, es sei gar kein Gebäude, sondern ein Felsmassiv – das Werk von Riesen, die in grauer Vorzeit verschwunden waren. Etwas so Uraltes, dass man nicht begreifen konnte, woraus es eigentlich bestand.
In leichtem Nebel und gespenstischem Licht wirkte die Kathedrale von Palma nachts äußerst düster. Massive Mauern und der hohe Turm flößten Angst ein. Schmale Fenster, Strebewerke und unzählige steinerne Details erzeugten das Gefühl von etwas Altem und Bedrohlichem. In diesem Licht glich der Dom eher einer klassischen Vampirresidenz – genau wie man sie in Filmen und Spielen zeigt.
Hinter der „Vampirfestung“ begann die Altstadt. Enge Gassen führten abwärts, zu Laternenlicht und den Schatten von Platanen. Sofort überkam mich ein Déjà-vu. Helle Stein-Fassaden, gerade Boulevards, gedrehte schmiedeeiserne Balkone – alles atmete den Süden, doch in den Linien und Proportionen spürte man den Geist der marseillischen Klassik: denselben strengen Rhythmus, denselben Versuch, Ordnung in das Chaos der Altstadt zu bringen, nur in einer entspannteren, mediterranen Variante. Die warme Meeresluft und die leichte Feuchtigkeit der Nacht erzeugten dieses typisch südliche Gefühl von weicher, gemächlicher Stille. Meine Reise schien einen Kreis zu schließen, als wäre ich dorthin zurückgekehrt, wo alles begonnen hatte, nach Marseille. Derselbe salzige Wind, dieselben Schatten, die mich damals neckten, blickten nun aus Palma.
In ein paar Stunden wartete mein Flug. Ausgerechnet jetzt waren kaum Menschen auf der Straße, und die wenigen, die mir begegneten, sprachen kein Englisch. Es wurde klar: Ein Bus zum Flughafen würde nicht mehr fahren, und zurücklaufen würde lange dauern. Zeit hatte ich genug. Ich eilte durch eine Ansammlung von Dörfern, ihre dunklen Gassen und schlafenden Häuser. Doch kurz vor dem Flughafen geriet ich in eine Sackgasse – die Straße war gesperrt. Der einzige Weg zum Airport führte extrem gefährlich über eine Schnellstraße. Gehsteige gab es keine, Autos rasten in wahnsinniger Geschwindigkeit vorbei, und das einzige Licht kamen von ihren Scheinwerfern, die die Dunkelheit zerrissen. Der einfache Spaziergang war vorbei. Ringsum pechschwarze Nacht, nur die Lichter der Autos flackerten wie ein Schwarm Glühwürmchen. Ich fasste Mut, wartete, bis die Lichter für einen Moment verschwanden, und sprintete über die Fahrbahn.
Dieser Sprung durch die Dunkelheit wurde zur letzten Grenzlinie – zur abschließenden Prüfung.