Prologue

Ein Jahr des Wartens, und da war ich im Land der Regen und des ewigen Nebels – im Nebelalbion. Ich hatte trübe Himmel erwartet, Feuchtigkeit und vielleicht sogar lokale Gespenster, die aus gotischen Spitzen grinsten. Aber verdammt noch mal, das Wetter spielte mit offenen Karten: kein Tropfen Regen, kein Fetzen Nebel. Die Sonne brannte wie eine Verhöhnung und verwandelte meinen Regenmantel in einen Backofen. York lockte mich vorwärts. Dort wartete eine Ausstellung von Gemälden, auf die ich ein ganzes Jahr hingearbeitet hatte. Doch irgendwo jenseits des Horizonts braute sich bereits ein Sturm zusammen. Und ich spürte: Der Thriller kam nicht vom Himmel, sondern schlich sich unsichtbar direkt hinter mir heran.

Mihail Zablodsky york


Teil 1:
Ankunft in York

Nachdem ich halb England durchquert hatte, landete ich an seinem nördlichen Rand – dort, wo die Zivilisation in Winden und Ödland zerfließt. Jenseits von York, Richtung der kalten schottischen Grenzen, erstreckten sich Weiten – rau, endlos, fast jenseitig. Gewaltige Heideflächen, mal gelb, mal violett, breiteten sich bis zum Horizont aus. Auf den ersten Blick ein Postkartenidyll, doch in der Luft schwebte eine verborgene Unruhe. Die Feuchtigkeit kroch einem in die Knochen, der Himmel verzog sich oft mit schwarzen Wolken. Und im Norden, über den Ödländern thronend, ragten die Ruinen einer Abtei auf – düster wie entblößte Knochen der Erde. Gerüchtweise hatten genau sie den Roman über Graf Dracula inspiriert.
York empfing mich als eine der geheimnisvollsten Städte Englands. Seine grauen Steinmauern bewahrten die Erinnerung an römische Legionen, Wikinger und Ritter. Die engen Gassen, krumm wie Äste einer alten Eiche, flüsterten von Zeiten, in denen die Stadt König des Nordens war. Die Zeit schien hier stehen geblieben zu sein – abgesehen von den Touristenhorden, die bis spätabends umherwimmelten.

Über diesem Treiben und den kleinen mittelalterlichen Häuschen ragte wie ein gewaltiger steinerner Riese der York Minster auf. Im Mittelalter musste er vor dem Hintergrund niedriger Hütten bei den Einheimischen eine devote Ehrfurcht ausgelöst haben. Seine Spitzen durchbohrten den Himmel, die Glasfenster streuten Licht in rote und grüne Visionen, und die Gargoyles blickten von oben auf die Menge herab wie Geier, die Beute erspähten.

York war ein Ort, an dem die Zeit dünner wird und die Grenze zwischen Lebendigem und Vergessenem verschwimmt. Abends, wenn das Tagesgewühl der Touristen sich legte wie das Meer nach einem Sturm, verwandelte sich die Stadt völlig. Die Gassen, tagsüber von Lärm erfüllt, verstummten nun. Ich wanderte durch die Stadt, versuchte mich in ihrer Magie aufzulösen, doch ein leichter Schatten der Ödländer schien mir zu folgen. Unter der Haut wuchs eine Unruhe, als zitterte die Luft vor einer unsichtbaren Bedrohung.
Ich stieg auf den Hügel, wo der Donjon Wilhelms des Eroberers thronte. Die Festung, einst Symbol normannischer Macht, galt jahrhundertelang als uneinnehmbar. Doch genau hier spielte sich im 12. Jahrhundert eine Tragödie ab – das grausamste Pogrom im mittelalterlichen England. Damals flüchtete ein Großteil der jüdischen Gemeinde Yorks vor dem Mob hinter ihre Mauern. Als die Aufrührer die Festung belagerten, siegte die Verzweiflung über die Hoffnung – Männer, Frauen und Kinder wählten den Tod, weil sie nicht glaubten, dass Hilfe rechtzeitig käme. Die Steine erinnern sich an sie, und die Stille hier wirkt schwerer.

Der Sonnenuntergang tauchte die Stadt in blutiges Licht. Über York zogen rasch Wolken zusammen – schwere, bleierne, fast schwarze. Sie ballten sich und rückten drohend direkt auf mich zu. Die Luft wurde dick von feuchter Kälte, und der Geruch nach Gewitter, metallisch und scharf, kündigte an, dass der Himmel gleich zerspringen würde.
Und dann ergriff mich ein Gefühl – das war kein einfacher Sturm. Die Stadt hielt den Atem an, die Steine warteten, und ich mit ihnen. Unter der Haut wuchs Entsetzen. Etwas näherte sich – Unbekanntes, Unausweichliches.

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Teil 2:
Kafkascher Horror mit Gemäldeversand

Von frühmorgens an spürte ich die volle Macht des Minsters. Die Glöckner stiegen die Wendeltreppen hinauf und schlugen wie besessen die Glocken. Sie machten kurze Pausen – und schon ergoss sich wieder der kupferne Klang über die Stadt, vermischte sich mit dem Duft frischer Brötchen aus den Bäckereien, lila Glyzinien und dem feuchten Wind vom Fluss Ouse.

Das Haus aus dem 17. Jahrhundert, in dem ich vorübergehend wohnte, bewahrte eine besondere Stille und den Geist des Altertums. Abgenutzte Möbel, die fremde Geschichten in sich aufgesogen zu haben schienen, eine Büste Apollos auf der Fensterbank, die durch eine Gruppe heruntergebrannter Kerzen hindurchblickte, weiße Wände und knarrende Dielen, die auf jeden Schritt antworteten – alles erinnerte an Szenen aus „Wuthering Heights“. Es war, als würde das Haus sich an die erinnern, die vor mir hier gelebt hatten.

Nicht weniger erstaunlich war, wie ich überhaupt in diese Geschichte geraten war. Eine völlig unbekannte Frau aus England hatte zufällig eines meiner Bilder im Internet gesehen. Die Arbeit gefiel ihr so sehr, dass sie mir schrieb. Alles entwickelte sich rasend schnell: Sie bot an, meine Sponsorin zu werden, lud mich ein, nach Großbritannien zu ziehen, und organisierte später die Ausstellung in York. Es war wie Zauberei – ich hatte doch niemandem erzählt, dass ich davon träumte, in Britannien zu leben.
Alles lief wunderbar. Die Bilder sollten jeden Moment eintreffen. Doch das gestrige seltsame Vorgefühl verließ mich nicht. Ich beschloss, den Tracking zu prüfen. Und oh Gott – sie waren immer noch in Deutschland. Niemand hatte sie auch nur abgeschickt.
Das düstere Vorgefühl, das mich am Vortag gequält hatte, wurde zur Realität. Von diesem Moment an begann einer der schrecklichsten bürokratischen Quests meines Lebens. Aber damals wusste ich noch nichts davon.

Bis zur letzten Minute glaubte ich naiv: Das ist nur ein kleiner Systemfehler, die Bilder kommen bald, es gibt die Ausstellung, und danach kann ich durch Britannien reisen.

Ich rief bei den DHL-Mitarbeitern an. Und hörte:
– Wir haben sie… irgendwohin geschickt. Die Bilder sind irgendwo in Deutschland.
Bald stellte sich heraus: Niemand hatte vor, die Werke überhaupt zu versenden. Die Deutschen hatten sie zurückgeschickt und mir befohlen, schleunigst zurückzukommen und sie abzuholen. Nur wusste niemand, wo genau sie sich befanden. Nach Hause zurückkehren? Welcher Wahnsinn? Ich hatte so viel Zeit und Geld in die Reise investiert, die Ausstellung sollte bereits eröffnet werden – und jetzt teilte man mir mit, dass es keinen Versand geben würde. Einfach nur ein „Systemfehler“.
Ich verstand: Alles begann einzustürzen. Meine Bilder, jedes einzelne das Ergebnis monatelanger Arbeit, von Mühe und eingeflossener Energie – waren nicht angekommen. Jeder Pinselstrich, jedes Detail, für das Stunden, Tage, Nächte draufgingen – verschwand im Absurdum der deutschen Bürokratie. Ich spürte, wie alles, was ich ein Jahr lang geschaffen hatte, in einem Augenblick zusammenbrach, und das Gefühl der Ohnmacht fraß mich von innen auf. Meine Ausstellung verwandelte sich in einen Albtraum. Deutschland, verdammt noch mal, hatte mir die Hölle bereitet: Die gesamte Serie war verschwunden. Statt einer Ausstellung steckte ich plötzlich in einer verworrenen Detektivgeschichte mit absurdem Ende. Die Kisten mit den Leinwänden hatten sich im System aufgelöst, und nun galt es, dieses zu entwirren – ohne die geringste Ahnung, wie das alles ausgehen würde.

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Teil 3:

Die Pubs von York

Am nächsten Morgen erhielt ich einen Brief von DHL. Die Worte waren trocken wie Herbstlaub, aber scharf wie ein Messer: „Ihre Bilder sind nicht auffindbar.“ Das Verschwinden einer ganzen Serie von Werken, in die ich ein Stück meiner Seele gesteckt hatte, verwandelte die ersehnte Ausstellung in einen Albtraum. York, das mich gestern noch mit seiner Magie gelockt hatte, fühlte sich nun wie ein Labyrinth an, in dem ich Antworten suchen musste.

Und dann begann die wahre Katastrophe. Jemand bei DHL schien plötzlich aufzuwachen und beschloss doch noch, die Bilder zu versenden. Doch was folgte, war ein endloser Irrgarten aus Anrufen, E-Mails und Formularen. Jede Handlung verwickelte die Situation nur noch mehr. Die Verwaltungsmaschinerie kaute Dokumente durch, verlor sie, fand sie wieder, nur um sie sofort erneut im Chaos zu versenken. Es war, als würde ich nicht mit Menschen sprechen, sondern mit Schatten hinter den Wänden endloser Büros.

Am Ende war alles hoffnungslos durcheinander: Niemand wusste, wann die Bilder ankommen würden und – was noch schlimmer war – wohin genau. Das war keine einfache Bürokratie mehr – das war der pure Absurd, der lebendig geworden war und mit mir ein endloses Spiel spielte, bei dem sich die Regeln jede Minute änderten.
Nach vielen Stunden Kampf mit der deutschen Bürokratie musste ich irgendwie wieder zu mir kommen. Ich machte mich auf, durch das nächtliche York zu streifen. Mit Einbruch der Dämmerung kehrte seine besondere Magie zurück. In dieser Stunde löste sich die Grenze zwischen Realität und dem Flüstern der Schatten auf.
York ist ein Labyrinth enger Gassen, und der Sage nach wimmelt es in vielen von ihnen von Geistern. Allerdings mischten sich darunter auch sehr irdische Gestalten: Regenbogenflaggen, Geisterkatzen in Schaufenstern und Figürchen von Damen mit Formen, die man beim besten Willen nicht körperlos nennen konnte.
Die Shambles, mit ihren schiefen Häusern, deren obere Stockwerke sich fast berührten, wirkte wie ein Ort, an dem hinter der nächsten Ecke ein Mantel verschwinden oder ein geheimer Gang aufgehen könnte. Tagsüber drängten sich hier Touristen, doch abends leerte sich die Straße, und die Steine schienen zu flüstern begannen, alte Geschichten auszutauschen. Die Atmosphäre erinnerte an die Zauberergasse aus „Harry Potter“. Es gab sogar einen Laden mit Zauberstäben, aber in all der Zeit sah ich niemanden, der auf einem Besen davonflog. Ich dachte, wie toll ein VR-Tour wäre, der die Stadt in verschiedenen Epochen zeigte, bevölkert von Geistern der Vergangenheit.

Auf der Suche nach dem Geist Yorks steuerte ich die alten Pubs an – denn genau dort schlägt der Puls Britanniens. Krüge mit Ale klirrten wie die Glocken der Abtei, Gespräche mischten sich mit Legenden und Lachen. In manchen dröhnte Rock, in anderen alte Folk-Melodien.

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Eine besonders geisterhafte Atmosphäre herrschte im „Golden Fleece“. Holzbalken, enge Gänge, seltsame Geräusche… Eines der ältesten Gasthäuser der Stadt, in dem der Legende nach fünfzehn Geister hausen – fast wie in Kings „The Shining“. Die Besitzer könnten wahrscheinlich Eintritt für eine Nacht mit Gespenst verlangen. Die Geister selbst bekam ich natürlich nicht zu Gesicht – offenbar arbeiten sie nur auf Abruf. Dafür hingen an den Wänden weiße Totenmasken, und an der Theke stand neben dem Barkeeper ein Skelett Wache, mit einem Hundeskelett als Begleiter. Kein Wunder, denn früher war der Keller hier die städtische Leichenhalle.

Das „House of the Trembling Madness“ hingegen war ein Portal ins mittelalterliche York. Hinter schweren Eichentüren verbarg sich eine Welt aus Rittern, Alchemisten und Magiern – ein Labyrinth aus gotischen Glasfenstern, dunklem Holz und uralten Artefakten. An den Wänden hingen Rüstungen und staubbedeckte Bücher, daneben Tierköpfe mit erstarrten Blicken, als hüteten sie rituelle Geheimnisse. Hier wurde Bier nach alten Rezepten serviert – herb, mit dem Geschmack vergessener Zeiten.

Als ich aus dem „House of the Trembling Madness“ trat, hatte die Nacht York endgültig eingehüllt. Selbst die Kathedrale verlor ihre Konturen und verwandelte sich im Mondlicht in einen gewaltigen Stadtgeist. Ihre Spitzen reckten sich wie Krallen zu den Sternen, und die Glasfenster funkelten wie Augen voller Geheimnisse.

Meine Bilder ertranken noch immer im deutschen Bürokratiehölle, und die Stadt mit ihren Pubs und Schatten schwieg. Doch ich spürte deutlich, dass York mich ansah und wartete – ob ich die Wahrheit finden oder in seinem Labyrinth versinken würde.

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Die Liverpool Cathedral ist keine feine europäische Gotik, sondern ein steinerner Golem, der auf einem Hügel erstarrt ist. Ihr massiger Körper aus rötlichem Stein scheint an heißen Mittagen glühend heiß zu werden, als wäre er in Flammen gehüllt. Statt graziler Fenster brennende Augen-Vitraillen und schmale Schießscharten-Schlitze, die die Umgebung beobachten. Das ist kein Tempel, sondern eine Zitadelle, bereit, einen ganzen Ansturm von Heiden abzuschlagen.

Auf dem Rückweg nach York beschloss ich, zum Kontrast mit dem modernen Liverpool das Haus der Brontë-Schwestern bei Leeds zu besuchen. Haworth ist wie ein Tor ins 19. Jahrhundert: abends glimmen Gaslaternen, und über den Dächern wabern Heide-Nebel. Die Zeit ist in kalten Steinhäusern und viktorianischen Pubs stehen geblieben. Ringsum Torfmoore, Heide, nasses Moos und ein Wind, rau und gnadenlos. Das Haus stand direkt am alten Friedhof, und die Schwestern tranken Wasser aus dessen Brunnen, hungerten oft. Feiner Regen, Wind, grauer Himmel, ständige Kälte und Armut – von solchem Positivismus wurde ihr Bruder wahnsinnig, und sie selbst starben früh. Die Fassade des Hauses blickte direkt auf die Ödnis – ein Schritt vor die Tür, und du bist in der Welt von „Wuthering Heights“ oder „Jane Eyre“.

Ich merkte erst spät, dass mein Smartphone fast leer war. Der Powerbank sollte eigentlich reichen, doch plötzlich war er leer. In diesem Moment durchzuckte mich die Erinnerung an Toronto: Damals war das Handy ausgegangen, und ich stand in nächtlicher Kälte irgendwo außerhalb der Stadt – ohne Verbindung, ohne Orientierung, als wäre ich aus der Welt geworfen worden. Es schien ein Zeichen zu sein: Zeit, die Reise abzubrechen. 

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